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Leitfaden und Checkliste: Wie bleibe ich als Musiker*in bei längerer Betriebspause durch COVID19 mental und körperlich fit?

Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) zur Verfügung gestellt.

Im Moment fühlt sich der mit der Einstellung des Spielbetriebs der Orchester und Theater und allgemein verfügten Ausgangsbeschränkungen verbundene häusliche Zwangsaufenthalt noch wie eine spielfreie Zeit oder dienstfreie Woche an. Dieses Gefühl kann aber in ein paar Tagen oder Wochen auch umschlagen, da gegenwärtig überhaupt nicht absehbar ist, wie und ab wann es schrittweise wieder zu einer ansatzweisen Normalisierung des normalen Proben- und Aufführungsbetriebs kommen wird.

Vor diesem Hintergrund hat die DOV das Freiburger Institut für Musikermedizin (FIM) an der Hochschule für Musik Freiburg gebeten, aus fachlicher Sicht ein paar Hinweise und Tipps für professionelle Musikerinnen und Musiker zu entwickeln, um die kommenden Wochen auch mental besser überstehen zu können. Der SMV bedankt sich bei der DOV herzlich für die Überlassung des Leitfadens und der Checkliste, die wir ganz leicht an die Schweizer Situation angepasst haben.

Leitfaden

Liebe Musikerinnen und Musiker,

Es wird jeden Tag in den Medien viel daru?ber gesprochen, dass uns allen soziale live- Kontakte fehlen, aber Sie als Musiker*innen im Orchester sind durch die momentanen Einschra?nkungen in besonderer Weise betroffen, weil sie in Ihrer Berufsausu?bung massiv eingeschra?nkt sind. Fu?r manche von Ihnen brechen vielleicht erstmals nach Jahrzehnten gewohnte Strukturen wie Proben und Konzerte weg und auch wenn es fu?r kurze Zeit erholsam sein ko?nnte, wird es doch auf la?ngere Zeit bedru?ckend. Und auf eine la?ngere Periode mu?ssen wir uns mo?glicherweise einstellen.

Interessanterweise ist gerade jetzt zu beobachten, dass Musik und Kultur in den Medien einen hohen Stellenwert genießen – vielleicht nach der einfachen Regel, dass man erst merkt, wie sehr einem etwas fehlt, wenn es nicht da ist. Die Jubilare Beethoven und Ho?lderlin, aber auch lebende Dirigent*innen und Musiker*innen werden als Modelle fu?r Sinnhaftigkeit in Krisenzeiten vorgestellt und zitiert: „Wo aber Gefahr ist, wa?chst das Rettende auch“, „Ohne Fantasie keine Hoffnung“, „Die Krise sta?rkt das Bedu?rfnis nach seelischen Inhalten“ u.a. Es ist scho?n, dass wir als Kulturschaffende gefragt werden und uns eine besondere Expertise zugeschrieben wird: wir als Musiker*innen haben ja eben die Musik, die uns Halt gibt.

Natu?rlich stimmt es, dass Musiker*innen im Orchester vielleicht sta?rker in emotionaler Weise positiv mit ihrem Beruf verbunden sind als in anderen Berufen. Aber auch im Laufe eines Berufslebens als Orchestermusiker*in kann sich die Wahrnehmung des Musizierens immer mehr auf die spezifischen Anforderungen im Orchester fokussieren. Fallen die weg, tritt erstmal eine erhebliche Irritation ein. Viele von Ihnen haben kammermusikalische und andere musikalische Aktivita?ten gepflegt, was Ihnen jetzt als Ausgleich vielleicht helfen kann. Trotzdem fa?llt plo?tzlich der Rahmen des Orchesters weg, innerhalb dessen Sie u?blicherweise aufgehoben waren und musiziert haben.

Wie die Spielpla?ne noch umgesetzt werden ko?nnen, ist derzeit schwer einzuscha?tzen. Was bleibt, ist die Freude beim Musizieren fu?r sich selbst zu nutzen, um gut draufzubleiben. Und um als Profi fit zu bleiben. Es ist aber auch ein gu?nstiger Moment, die spontane Freude am Spielen mal wieder ganz in den Vordergrund zu stellen. Einfach fu?r sich spielen, worauf man gerade Lust hat. Ohne Perfektionsanspruch und a?ußere Kontrolle. Und versuchen es zu genießen. Und auch die andere Seite ist mo?glich: technischen und methodischen Fertigkeiten, die durch die ta?glichen Anforderungen des Berufslebens nicht immer die no?tige Zuwendung erhalten ko?nnen, sta?rkere Beachtung zu schenken.

Wir sollten als Musik*innen unserer Aufgabe gerecht werden, positives Modell zu sein fu?r andere. Jetzt kann Musik wirklich ein Grundnahrungsmittel sein, wir ko?nnen zeigen, dass Kreativita?t und Fantasie helfen in schwierigen Zeiten. Diese gemeinsame Botschaft kann Musiker*innen verbinden, auch wenn Sie gerade nicht zusammen spielen ko?nnen. In Krisen wa?chst oft das Zusammengeho?rigkeitsgefu?hl. Das ist wichtig, denn es wirkt zuru?ck auf den einzelnen, wir fu?hlen uns als Teil einer gemeinsamen Sache. Viele von Ihnen sind bereits aktiv geworden und haben sich neue Mo?glichkeiten und Formate ausgedacht. Aktivita?t ist gut, um nicht tru?bsinnig zu werden, aber es muss auch zu jeder und jedem einzelnen passen.

Um Ihnen perso?nlich und konkret etwas fu?r den Alltag anzubieten, haben wir als Team des Freiburger Instituts fu?r Musikermedizin (FIM) auf unserer Homepage psychologische Empfehlungen und U?bungen fu?r Ko?rper und Geist als Text, Audio und Video produziert und eingestellt. Sie ko?nnen hier unter fim.mh-freiburg.de gerne reinschauen und sehen, ob etwas fu?r Sie dabei ist. Sie finden hier im Dokument „Psychologische Empfehlungen“ auch konkrete Anregungen zum Verhalten in Krisenzeiten. Grundsa?tzlich ist es gut, sich eine Struktur mit regelma?ßigen Aktivita?ten wie Bewegung, guter Erna?hrung und Musizieren zu geben. Anbei finden Sie auch eine Checkliste mit konkreten Tipps fu?r Ihre Gesundheit.

Checkliste Musikergesundheit

Empfehlungen des Freiburger Instituts fu?r Musikermedizin in der Corona-Krise

  • morgens 15 Minuten U?bungen zur Vitalisierung und Entspannung
  • morgens Saft einer ausgepressten Zitrone trinken
  • Musizieren mit Freude und Einfallsreichtum: spontane Freude am Spielen und Singen in den Vordergrund stellen, Perfektionsanspruch und „auf-den-Punkt- (Dienst)-U?ben“ relativieren, sich kreatives Musizieren ohne Ziel erlauben, Hinwendung im Ho?ren nach innen, Klang als Ausdruck und Resonanzmittel
  • Dienstfreie Zeit zum ruhigen U?berpru?fen alles Routinierten nutzen
  • Warm-up vor dem Spielen und Singen
  • Cool-down nach dem Spielen und Singen
  • beim Musizieren Pausen einplanen, in den Pausen trinken und Ausgleichsbewegungen oder Dehnen (cave U?berlastungssyndrom)
  • ta?glich 15 Minuten U?bungen fu?r innere und a?ußere Balance, perso?nliche Expertise in Meditation, Yoga, Qigong u.a. ausfu?hrlich nutzen
  • ta?glich 20 Minuten U?bungen zur ko?rperlichen Fitness drinnen und/oder Bewegung draußen
  • vitaminreich erna?hren, viel Obst und Gemu?se
  • ta?glich 2-3 Liter Flu?ssigkeit zusa?tzlich zur sonstigen Nahrung trinken
  • Alkohol meiden
  • ta?glich einmal an die frische Luft gehen
  • soziale Kontakte u?ber soziale Medien pflegen (nicht pausenlos)
  • Tagebuch fu?hren – hierbei auch das Singen und Spielen fu?r sich festhalten und sich selbstbestimmte Ziele setzen
  • Sich mit positiven Dingen bescha?ftigen und ablenken
  • Informationen zum Corona-Virus zeitlich kontrollieren, nur serio?se Informationen nutzen
  • Kreativ sein….
  • Abstand zu den Dingen einnehmen, Optimismus pflegen
  • A?ngste und Sorgen aussprechen und mit anderen teilen
  • anderen helfen

 

Quelle: DOV