csm_Christian_Braun_Website_1c7e6bc3b7Kolumne von Christian Braun

Am 5. Juni hat eine überwältigende Mehrheit der Stadtzürcher Stimmberechtigten der Sanierung von Tonhalle und Kongresshaus zugestimmt. Das Ja zu einem 240 Millionenprojekt ist ein klares Bekenntnis zu einem der kulturellen Leuchttürme der Region. Es zeugt vom Bewusstsein, dass professionelle Kulturarbeit kostet und die nötigen Investitionen unabdingbar sind.

Leuchttürme sind wichtig, zweifellos. Genauso wichtig ist es aber, dass im Umfeld der etablierten Institutionen eine freie Szene zur Entfaltung kommt und einen Nährboden für den kulturellen Diskurs schafft. Die Freiheit dieser Szene konnte in der Vergangenheit immer wieder Impulse setzen, die bereitwillig in die Programme der grossen Häuser eingeflossen sind. Zweifellos ist das Nebeneinander von Institutionen und der freien Szene für beide Seiten befruchtend und sollte auch nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Bei aller Begeisterung für eine aktive freischaffende Musikszene muss man sich aber bewusst sein, dass sich die Arbeitsbedingungen gravierend von jenen in den Kulturinstitutionen unterscheiden. Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass wir es in der freien Szene mit einem vollends liberalisierten Markt zu tun haben. Anders als bei festangestellten Orchestermusikern oder Sängern gibt es bei den Freischaffenden weder Gesamtarbeitsverträge noch verbindliche Tarife. Zwar bemüht sich der Schweizerische Musikerverband (SMV) auch bei temporären Projekten darauf hinzuweisen, dass die Tarifstruktur des Verbandes eingehalten werden sollte. Aber solange es keine allgemein rechtlich verbindlichen Verträge gibt, die auch für Freischaffende gelten, ist der grösste Musikerinnen- und Musikerverband der Schweiz praktisch machtlos.

Es ist keiner Musikerin und keinem Musiker ein Vorwurf zu machen, wenn sie oder er ein Geschäft annimmt, bei dem man die Entschädigung umgangssprachlich gut und gerne als Lohndumping bezeichnen dürfte. Miete, Krankenversicherung und Kosten des täglichen Bedarfs wollen Ende des Monats schliesslich bezahlt sein. Man muss sich aber vor Augen führen, dass zahlreiche Absolventinnen und Absolventen der Musikhochschulen, etlicher Engagements zum Trotz, in wirtschaftlich äusserst prekären Umständen leben. Zu den tiefen Gagen kommt, dass die Abrechnung von Sozialversicherungsbeiträgen oftmals umgangen wird und somit auch die Altersvorsorge krankt.

Die Frage der laufenden Manifesta heisst: „What people do for money“. Bei den freischaffenden Musikern muss die Antwort leider lauten: „beinahe alles und zu jedem Preis“. Die Frage, die wir uns eigentlich stellen sollten, ist aber: „Wollen wir Kultur in hoher Qualität, bei der die Ausführenden am Rande des Existenzminimums leben?“ Das Bewilligen von 240 Millionen Franken zeigt, dass die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger durchaus der Meinung sind, dass der Staat tief in die Tasche greifen darf. Dieses erfreuliche Selbstverständnis bräuchte es aber auch bei all den kleinen Projekten, die unser kulturelles Angebot so vielfältig und farbig machen.

Vereinen, Chören, Orchestern, Kirchgemeinden usw. sollte es am Herzen liegen, dass Arbeit und Qualität auch entsprechend entlohnt werden. Wenn wir wollen, dass der Beruf der Musikerin und des Musikers nicht zum bezahlten Hobby verkommt, brauchen wir eine Kulturförderung, die bei der Vergabe von Projektbeiträgen auf die Einhaltung von Rahmenbedingungen drängt. Es braucht Projektverantwortliche, welche die Projektbudgets nicht auf Kosten der Gagen optimieren. Es braucht Hochschulen, die ihre Studentinnen und Studenten auf die Realität vorbereiten. Zudem braucht es einen grossen und starken Musikerverband mit vielen Mitgliedern. Und nicht zuletzt braucht es ein Publikum, welches bereit ist, die erbrachten Leistungen auch entsprechend zu honorieren.

Christian Braun ist Präsident der Untergruppe Freischaffende der Sektion Zürich

Leave a comment ↓

Kommentar verfassen