Zwischen einem sehr lieben Bekannten – er war nicht Musiker, liebte die Musik und wäre jetzt 90 Jahre alt – und mir entwickelte sich ein kleines Ritual.
Albert pflegte zu sagen: «Es ist nicht mehr wie einst!»
Darauf ich: «Und bereits damals war es nicht gut!»
Und wiederum er: «Da hast du auch wieder recht!»

Ich hatte also recht – doch darum geht es hier gar nicht. Recht hatten wir nämlich beide. Es geht darum, dass das Wort nicht mehr wie einst fast durchwegs selbstverständlich impliziert, es sei heute schlechter oder zumindest weniger gut als «damals».

Das Wort gänzlich wertfrei zu verwenden, scheint unmöglich. Es entstand vermutlich sogleich, nachdem der denkende, jedenfalls der sprechende Mensch entdeckt hatte, dass es eine Vergangenheit gibt. Auch die Zukunft wurde entdeckt, was ja schliesslich zum geistreichen Ausspruch führte, auch diese sei nicht mehr das, was sie einmal war.

Wird nun das genannte Wort an dieser Stelle etwas hinterfragt, so ist auch festzustellen, dass Worte, die sich über ganze Menschheitszeitalter erhalten haben, nicht einfach falsch sein können. Mich interessiert es deshalb, weil es just in unserem Beruf oft anzutreffen ist. Vermutlich hat das damit zu tun, dass er in besonders inniger Weise Vergangenes und Gegenwärtiges verbindet. Das Bewahrende, das ihn auszeichnet, bedeutet keineswegs Stillstand. Erst durch uns, die sich gegenwärtig eines geschriebenen Werkes annehmen, wird es aus der Vergangenheit ins Heute geholt. Meist umfasst diese Vergangenheit mittlerweile gut ein Jahrhundert oder mehr. Tun wir es nicht, so mag selbst ein epochales Meisterwerk zwar als unsterblich gelten, aber es kann nicht an andere weitergegeben werden und wird irgendwann dieser Unsterblichkeit verlustig gehen. Dabei wollen wir nicht vergessen, dass Musik eigentlich kaum für die Zukunft (die auch schon anders war!) geschrieben wird und ihre Komponisten oft genug an den widrigen Umständen der Uraufführung, der Gegenwart, verzweifelten. Ebenso ist bekannt, dass Schöpfer «grosser» Werke deren Nicht-Aufführung einer missratenen Aufführung vorgezogen haben – dies nur als Randbemerkung.

Dass wir selber bei all dem nicht jünger werden, befördert die Neigung, nicht mehr wie einst bedeute weniger gut. In dieser Betrachtungsweise waren früher die Dirigenten besser als heute. Es wird keine grosse Musik mehr geschrieben. Die Anstellungsbedingungen. Die Altersvorsorge. Der innere Zusammenhalt im Orchester. Das Publikum. Und überhaupt: Bald wird sogar die Schweizer Musikzeitung nicht mehr sein wie einst.

Wirklich? Das mag nun etwas überspitzt klingen – und es lässt sich glücklicherweise ganz leicht beobachten, dass dies einfach zum subjektiv Erlebten gehört, nebst anderem, welches all dies relativiert. Die Betrachtung des Ausspruchs nicht mehr wie einst ist ein Plädoyer für Optimismus! Nutzen wir die Gestaltungsräume in unserer beruflichen Gegenwart, auf dass sie GUT sei und nicht wie einst! Nutzen wir sie als Individuum ebenso wie als Gemeinschaft! Es ist die elementare Herausforderung an uns, als Musikerinnen und Musiker. Dazu bestehen seit jeher Möglichkeiten. Sie wurden auch stets genutzt: Von unseren Vorgängerinnen und Vorgängern, sonst wären wir nicht da, wo wir sind. Denn einst war es eben auch nicht immer gut. 1914 wurde der SMV gegründet, wir werden übernächstes Jahr also zu Feiern haben. Wurde der Verband bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges gegründet, weil alles gut war? Wurde er deshalb 50, 75, 99 Jahre alt?

Als in diesem Land die öffentliche Hand ganz allgemein nicht genug Geld ausgeben konnte, gelang es schliesslich, auch die Berufsorchester daran teilhaben zu lassen. Selbst die freiberufliche Szene erlebte da einen Aufschwung. Inzwischen ist einiges davon tatsächlich bereits Vergangenheit, wie in so manchem Beruf. Allerdings: Während die Künstlerberufe von einer wirtschaftlich freundlichen Grosswetterlage zuletzt profitieren, leiden sie als erste unter deren Verschlechterung. Nicht mehr wie einst: Eine Wellenbewegung?

Orchesterfusionen, Orchesterschliessungen, Publikumsschwund, Druck auf die Arbeitsbedingungen, Dumping: Unserem Beruf geht es in mancher Hinsicht zumindest nicht besser als auch schon. Vieles ist nicht mehr wie einst, dennoch gibt es ihn, ganz schön vital und ausgesprochen hochstehend dank derer, die ihn gegenwärtig ausüben! Für den Verband präsentiert sich die gleiche Aufgabe wie für das einzelne Mitglied: Es bedarf bereits einiger Anstrengung, Erreichtes zu halten, seien es soziale Errungenschaften oder die eigene spielerische Form. Stillstand ist damit nicht gemeint – es soll auch später nicht sein wie einst!

Heute ist heute; und so sage ich gerne: «Es ist nicht mehr wie einst – gut so!»

David Schneebeli,
Mitglied Zentralvorstand SMV

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